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Kirchturm und Glockengeläut in islamischen Ländern

Marcel Stuessi, University of Lucerne

Abstract

Damaskus wird zu Recht «Wiege der Zivilisationen» genannt. Als älteste durchgehend bewohnte Stadt der Welt ist sie seit Jahrtausenden Zeugin verschiedener Kulturen und Religionen. In westlichen Ländern wenig bekannt ist, dass die Stadt als Sinnbild für religiöse Toleranz gilt. Arabische Juden, Christen und Muslime leben in dieser mehrheitlich muslimischen Metropolis in gegenseitigem Respekt und Offenheit. Schmuckvolle Kirchtürme erheben sich zu Hunderten in der Altstadt von Damaskus sowie in der umliegenden Agglomeration. Nicht selten stehen Kirchtürme unmittelbar neben prächtigen Minaretten. Obwohl 90 Prozent der syrischen Bevölkerung Muslime sind, scheint sich niemand über das stündlich erklingende, lautsprecherverstärkte Glockengeläut christlicher Kirchen zu stören. In Syrien gibt es, soweit ersichtlich, keinen einzigen Rechtsfall, in dem ein Gericht aufgrund Glockenlärm oder ideeller Emissionen hätte tätig werden müssen. Bedros Miratian, Erzbischof der armenisch-katholischen Diozöse von Aleppo, begründet diese fehlende Auseinandersetzung folgendermassen: «Wir müssen uns keinen spezifischen Platz in der Gesellschaft suchen. Er wurde uns schon vor langer Zeit gegeben.»1 Syrien ist kein Einzelfall. Auch in anderen muslimisch geprägten Ländern wie Jordanien und dem Libanon haben Christinnen und Christen das Recht, als Glaubenszeugnis Kirchen mit Türmen zu errichten. Diese Toleranz gegenüber christlicher Selbstbestimmung wurzelt in uralter, islamischer Tradition.

Suggested Citation

Marcel Stuessi. "Kirchturm und Glockengeläut in islamischen Ländern" Schweizerische Kirchenzeitung (2009).